Geschichte Raum geben

Die Geschwister

Karl und Georg Marienberg und Emmi Nielson

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Mehrere Mitglieder der Lüneburger Familie Marienberg wurden gegen ihren Willen sterilisiert. Weil einzelne Familienmitglieder mit der kommunistischen Partei sympathisierten, wurde die gesamte Familie erbbiologisch erfasst, und es wurden mehrere Verfahren zur Unfruchtbarmachung eingeleitet und die Zwangssterilisationen vollstreckt.

Thea Marienberg wurde am 7. April 1921 geboren. Sie war die Tochter des Fuhrunternehmers Otto Marienberg und dessen Frau Alwine, wohnhaft Am Berge 35. Ottos Bruder Albert war am 10. Juli 1931 wegen seiner kommunistischen Parteizugehörigkeit erschossen worden. Nach der Machtübernahme der NSDAP war Otto Marienberg Mitglied im kommunistischen Widerstand, weshalb er 1934 eine Gefängnisstrafe wegen »Hochverrat« absaß.

Sebastian und Christina Golla haben sechs Kinder.
August ist das dritte Kind.
Er ist im Jahr 1911 geboren.

Anna ist das fünfte Kind.
Sie ist im Jahr 1918 geboren.

Vier Geschwister über-leben den Krieg.
Sie sterben in den 1970er Jahren.
Ihre Töchter schreiben die Geschichte von August und Anna auf.

Hochzeitsfoto

von Thea und Erich Harenburg vom 28.2.1941.

Privatbesitz Uwe Marienberg.

Das ist ein Foto.
Auf dem Foto sind Sebastian und Christine Golla.
Es sind die Eltern von August und Anna Golla.
Es ist ungefähr aus dem Jahr 1905.

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1939 lernte Thea ihren zukünftigen Ehemann Erich Harenburg – Unteroffizier im Fliegerhorst Lüneburg – kennen und wurde schwanger. Um heiraten zu können, mussten sich beide zur Bescheinigung der Ehetauglichkeit an das Lüneburger Gesundheitsamt wenden. Aufgrund der politischen Aktivitäten ihres Vaters und angeblichen »Schwachsinns« in der Familie wurde Thea für »eheuntauglich« erklärt, und es wurde ein Verfahren zur Unfruchtbarmachung eingeleitet.

Um trotzdem bald heiraten zu können und der Sterilisation zu entgehen, versuchte sie, die Lüneburger Ämter auszutricksen. Während ihres laufenden Gerichtsverfahrens beim Erbgesundheitsgericht ging sie zum Gesundheitsamt Hamburg, um sich dort die Ehetauglichkeit bescheinigen zu lassen. Am 27. Februar 1940, demselben Tag, an dem das Lüneburger Erbgesundheitsgericht das Urteil über ihre Zwangssterilisation fällte, kam das Hamburger Gesundheitsamt zum gegenteiligen Ergebnis:

Sebastian und Christina Golla haben sechs Kinder.
August ist das dritte Kind.
Er ist im Jahr 1911 geboren.

Anna ist das fünfte Kind.
Sie ist im Jahr 1918 geboren.

Vier Geschwister über-leben den Krieg.
Sie sterben in den 1970er Jahren.
Ihre Töchter schreiben die Geschichte von August und Anna auf.

Beschluss

des Erbgesundheitsgerichts Lüneburg [Auszug] vom 27.2.1940.

NLA Hannover Hann. 138 Lüneburg Acc. 102/88 Nr. 208.

Das ist ein Foto von Anna Golla.
Sie hat Erst-Kommunion.
Das ist ein wichtiges Fest in der Kirche.
Das Foto ist ungefähr aus dem Jahr 1929.

»Schwachsinn wurde hier nicht festgestellt und daher das Gesundheitszeugnis ausgestellt.«

Schreiben

des Gesundheitsamts Hamburg an das Gesundheitsamt Lüneburg vom 27.2.1940.

NLA Hannover Hann. 138 Lüneburg Acc. 102/88 Nr. 208.

Das ist ein Foto.
Auf dem Foto sind Sebastian und Christine Golla.
Es sind die Eltern von August und Anna Golla.
Es ist ungefähr aus dem Jahr 1905.

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Mit der Ehetauglichkeitsbescheinigung stand der Eheschließung nichts mehr im Wege. Weil Thea aber in Lüneburg gemeldet war und die Hamburger Behörde die Lüneburger Amtskollegen über das Zeugnis informierte, flog alles auf, und das Hamburger Zeugnis wurde für ungültig erklärt.

Theas Vater Otto Marienberg legte Beschwerde gegen den Gerichtsbeschluss ein, und ihr Fall ging an die nächsthöhere Instanz. Auch Erich Harenburgs Versuch, die Operation seiner zukünftigen Frau durch eine Eingabe bei der Kanzlei des Führers zu verhindern, blieb erfolglos. Am 10. Dezember 1940 wurden Thea im Städtischen Krankenhaus Lüneburg beide Eileiter entfernt. Danach stimmte Amtsarzt Rohlfing einer Eheschließung zu. Thea Marienberg und Erich Harenburg heirateten am 28. Februar 1941. Thea starb einen Tag vor ihrem 67. Geburtstag am 6. April 1988 in Hamburg.

Durch das Sterilisationsverfahren gerieten weitere Familienmitglieder von Thea Marienberg ins Visier der Gesundheitsbehörden. Ihr fünf Jahre jüngerer Bruder Heinz wurde bereits am 2. Februar 1940, dem Tag der ersten mündlichen Verhandlung, vom Gesundheitsamt Lüneburg für eine Sterilisation angezeigt. Da er sich zwei Jahre später im Alter von 16 Jahren freiwillig zur Front meldete, entging er weiterer Verfolgung. Hertha Bergmann, Theas ältere Schwester, war bereits verheiratet und dafür auf Ehetauglichkeit »ohne erbkranken Befund« untersucht worden. Dennoch übersandte Rohlfing dem für sie zuständigen Gesundheitsamt für eine Wiederaufnahme eine Kopie der Akte. Waltraut, die jüngste Schwester von Thea, entging der erbbiologischen Erfassung und Verfolgung altersbedingt. Sie war erst 1936 zur Welt gekommen.

August Golla ist Netz-Macher.
Er fängt bei der Arbeit an zu weinen.
Er sagt sonder-bare Sachen.
Darum kommt er in ein Kranken-Haus.
Von dort kommt er in die Lüneburger Anstalt.
Das ist im Jahr 1936.

Er bleibt vier Jahre in der Anstalt.
Seine Mutter schreibt ihm viele Briefe.
Sie macht sich Sorgen um August.

Karl Marienberg

auf seinem Untersuchungsbogen vom 9.5.1938.

NLA Hannover Hann. 138 Lüneburg Acc. 102/88 Nr. 1298.

Das ist eine Post-Karte.
Sie ist vom 1. Februar 1928.
Darauf ist ein Foto von August Golla.
Er steht im Hafen von Bremerhaven.
August steht rechts.

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Zwei Cousins und einer Halbcousine erging es ähnlich wie Thea Marienberg. Gegen Karl Marienberg, Sohn von Otto Marienbergs Bruder Gustav, wurde ein Sterilisationsverfahren eingeleitet als er Berta Habenicht heiraten wollte. Das Erbgesundheitsgericht Lüneburg, besetzt mit Stölting, Bräuner und Dr. Vosgerau, lehnte am 7. Juli 1938 eine Sterilisation von Karl Marienberg zunächst ab. Dagegen legte Rohlfing vom Lüneburger Gesundheitsamt erfolgreich Beschwerde ein.

Das Erbgesundheitsobergericht beschloss am 25. Oktober 1938 die Unfruchtbarmachung von Karl Marienberg. Er wurde am 18. November 1938 im Städtischen Krankenhaus Lüneburg operiert. Am 13. Juni 1941 starb er „nach langem, schweren Leiden“ an Tuberkulose.

August Golla ist Netz-Macher.
Er fängt bei der Arbeit an zu weinen.
Er sagt sonder-bare Sachen.
Darum kommt er in ein Kranken-Haus.
Von dort kommt er in die Lüneburger Anstalt.
Das ist im Jahr 1936.

Er bleibt vier Jahre in der Anstalt.
Seine Mutter schreibt ihm viele Briefe.
Sie macht sich Sorgen um August.

Beschwerde

des Gesundheitsamts Lüneburg vom 27.7.1937.

NLA Hannover Hann. 138 Lüneburg Acc. 102/88 Nr. 1298.

Christine will ihren Sohn besuchen.
Sie will mit ihm Weihnachten feiern.
Aber der Ärztliche Direktor sagt:
Nein.
Der Ärztliche Direktor sagt:
August geht es nicht besser.
Er darf keinen Besuch haben.
Auch nicht zu Weihnachten.
Das ist im Jahr 1936.

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Karls Bruder Georg Marienberg wurde am 26. Juni 1938 beim Erbgesundheitsgericht Lüneburg angezeigt. Er wurde acht Wochen nach seinem Bruder operiert. Dennoch lehnte das Gesundheitsamt Lüneburg zwei Jahre später seine Eheschließung ab. Er beschwerte sich daraufhin beim Reichsminister des Innern, der der Vermählung schließlich zustimmte.

Christine schreibt viele Briefe.
Sie schickt sie in die Anstalt in Lüneburg.
Diese Briefe gibt es noch.
Der erste Brief ist vom Juli 1937.
Die letzte Post-Karte ist vom Mai 1940.

August bleibt krank.
Darum wird er in eine Tötungs-Anstalt verlegt.
Er kommt nach Pirna-Sonnen-Stein.
Am 7. März 1941 kommt er an.
Er ist einer von ein-hundert-zwanzig Patienten aus Lüneburg.
August und die anderen Männer werden dort ermordet.
Sie ersticken in einer Gas-Kammer.
Sie sind Opfer der »Aktion T4«.

Georg Marienberg

aus seiner Sterilisationsakte.

NLA Hannover Hann. 138 Lüneburg Acc. 102/88 Nr. 1324.

Die Familie Golla ist sehr gläubig.
Aber August geht nicht mehr in die Kirche.
Darüber streiten sich August und sein Vater.

Das ist eine Post-Karte mit einem Pfingst-Gruß.
Von Christine an ihren Sohn August.
Die Karte ist vom 8. Mai 1940.

Bescheinigung

des Gesundheitsamts Lüneburg vom 17.8.1940.

NLA Hannover Hann. 138 Lüneburg Acc. 102/88 Nr. 1324.

Das ist die Kranken-Geschichte von August Golla.

Schreiben

des Reichsministers des Innern vom 20.1.1941.

NLA Hannover Hann. 138 Lüneburg Acc. 102/88 Nr. 1324.

Das ist ein Foto von Anna Golla.
Das Foto ist aus dem Jahr 1938.

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Sechs Jahre nach Ende des Nationalsozialismus bemühte sich Georg Marienberg um Wiederaufnahme seiner Erbgesundheitssache und hoffte auf Entschädigung. In der Sitzung am 12. Oktober 1951 kamen Amtsgerichtsdirektor Dr. Jahn, der ab 1940 der Nachfolger von Stölting und bis Kriegsende der vorsitzende Richter am Erbgesundheitsgericht Lüneburg war, sowie Medizinalrat Dr. Schaeper – der Nachfolger von Rohlfing beim Gesundheitsamt Lüneburg – zu dem Ergebnis, dass der Beschluss des ehemaligen Erbgesundheitsgerichts aufrechterhalten werde. Georg Marienberg starb am 7. April 1979 in Lauenburg. Er hinterließ keine Kinder.

Christine schreibt viele Briefe.
Sie schickt sie in die Anstalt in Lüneburg.
Diese Briefe gibt es noch.
Der erste Brief ist vom Juli 1937.
Die letzte Post-Karte ist vom Mai 1940.

August bleibt krank.
Darum wird er in eine Tötungs-Anstalt verlegt.
Er kommt nach Pirna-Sonnen-Stein.
Am 7. März 1941 kommt er an.
Er ist einer von ein-hundert-zwanzig Patienten aus Lüneburg.
August und die anderen Männer werden dort ermordet.
Sie ersticken in einer Gas-Kammer.
Sie sind Opfer der »Aktion T4«.