Geschichte Raum geben

Heinz Schäfer

und seine Brüder Rolf und Friedrich​

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Heinz Schäfer wurde keine fünf Jahre alt. Er wurde am 16. August 1937 in Bovenden bei Göttingen geboren. Seine Eltern, der Metallarbeiter Friedrich (Fritz) Schäfer und Ella Schäfer, geb. Tegtmeyer, hatten zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Söhne im Alter von sieben und neun Jahren, Rolf und Friedrich. Die drei Jungs teilten sich ein Kinderzimmer. Die beiden Älteren mussten häufig auf ihren kleinen Bruder aufpassen. Weil Heinz nicht laufen lernte, trugen sie ihn viel und nutzten auch ein Wägelchen, um ihn durch Bovenden oder in den Garten zu schieben. In der Karre sitzend, beobachtete er die beiden beim Spielen. Hiervon existiert das letzte Bild von Heinz. »Er war immer dabei«, berichten die Brüder und die Cousine.

Heinz Schäfer wird am 16. August 1937 geboren.
Seine Eltern sind Fritz Schäfer und Ella Schäfer.
Fritz ist Arbeiter.
Er stellt Teile von Flug-Zeugen her.
Ella arbeitet auf einem Bauern-Hof.
Ella und Fritz haben drei Söhne.
Sie heißten Friedrich, Rolf und Heinz.

Friedrich und Rolf sind neun und sieben Jahre alt.
Als Heinz geboren wurde.
Die drei Brüder teilen sich ein Kinder-Zimmer.
Rolf und Friedrich müssen oft auf Heinz auf-passen.
Heinz konnte nicht laufen.
Rolf und Friedrich trugen Heinz deshalb viel.
Sie setzten ihn auch in eine Kinder-Karre.
Er ist immer dabei.

Heinz in seinem Wägelchen.

Es ist das letzte Foto von ihm, Herbst 1941.

Privatbesitz Familie Schäfer.

Hier ist Heinz vor seinem Haus.
Heinz sitzt in einer Kinder-Karre.
Damit schieben ihn seine Brüder durch den Ort.
Das Foto ist im Herbst 1941 auf-genommen.
Es ist das letzte Bild von Heinz.

Heinz auf dem Arm

seines Bruders Rolf. Das Foto machte sein Bruder Friedrich, ca. Sommer 1941.

Privatbesitz Familie Schäfer.

Auf dem Foto ist Heinz.
Heinz ist der Junge auf dem Arm.
Sein Bruder Rolf trägt ihn.
Sie sind beide im Garten.
Der Bruder Friedrich macht das Foto.
Deswegen ist er nicht auf dem Bild.

Rolf und Friedrich tragen ihren kleinen Bruder viel.
Er ist immer dabei.
So wie hier im Garten.
Das Foto ist im Sommer 1941 auf-genommen.
Heinz ist da etwa vier Jahre alt.

 

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Heinz konnte wohl alles verstehen und war auch in einem gewissen Maß selbstständig. Dennoch musste der Vater am 15. August 1941, einen Tag vor Heinz viertem Geburtstag, im Gesundheitsamt Göttingen vorstellig werden.

Der Göttinger Amtsarzt, Dr. Lewerenz, empfahl: »Die Unterbringung in eine geschlossene Anstalt ist notwendig.«

Heinz kann alles verstehen.
Er kann alleine essen und trinken und vieles mehr.
Aber Heinz kann nicht laufen.
Sein Vater muss mit ihm zum Gesundheits-Amt.
Das ist am 15. August 1941.
Das ist ein Tag vor dem Geburts-Tag von Heinz.
Der Arzt heißt Dr. Lewerenz.
Er bestimmt:
Heinz muss in eine Anstalt.
Dr. Lewerenz sagt:
In der Anstalt hilft man Heinz.

Schreiben

des Staatlichen Gesundheitsamts Göttingen, Dr. Lewerenz, vom 15.8.1941.

NLA Hannover Hann. 155 Lüneburg Acc. 56/83 Nr. 373.

Das ist ein Bericht des Arztes Lewerenz.
Über den Arzt-Besuch von Heinz mit seinem Vater.
Er schreibt:
Heinz ist krank.
Weil er noch nicht gehen und noch nicht sprechen kann.
Er ist sich nicht sicher:
Ob Heinz deshalb in eine Anstalt muss.
Zum Schluss ändert er seine Meinung.
Heinz soll doch in die Anstalt.
Das erkennt man an der anderen Schrift.

»Die Unterbringung in eine geschlossene Anstalt ist notwendig.«

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Weil sich dieser letzte Satz des Gutachtens von den Schrifttypen zum vorangegangenen Text unterscheidet und zwischen Unterschriftszeile und letztem Absatz eingepasst wurde, ist anzunehmen, dass diese Empfehlung nachträglich hinzugefügt wurde. Den Eltern sagte man, ihrem Kind werde in einer Anstalt geholfen. Der Vater kam daher vom Gesundheitsamt nach Hause und berichtete der Familie, im Heim werde Heinz geheilt werden. Die Familie verband mit dem Aufenthalt also die Hoffnung, dass er gesund werde. Sie rechneten fest damit, dass er wiederkommen würde und dann kuriert sei.

Heinz wurde direkt in der »Kinderfachabteilung« Lüneburg aufgenommen. Sein Vater brachte ihn dorthin. Die Aufnahme in Lüneburg erfolgte am 3. November 1941. Er kam in das Haus 25.

Der Vater kommt vom Gesundheits-Amt nach Hause.
Er erzählt der Familie:
Heinz wird in der Anstalt gesund.
Die ganze Familie denkt das.

Der Vater von Heinz bringt Heinz in die Anstalt nach Lüneburg.
Das ist am 3. November 1941.
Er kommt auf eine Kinder-Station.
Die hieß »Kinder-Fach-Abteilung«.
Das Haus hat die Nummer fünf-und-zwanzig.
Es ist eine Jungen-Station.

Die Mutter

tat sich sehr schwer mit der Trennung von ihrem Kind. Sie hatte große Sehnsucht nach ihm und schrieb ihm und den Pflegenden schon kurz nach seiner Aufnahme eine Postkarte.

Postkarte von der Mutter Ella an ihren Sohn Heinz vom 13.11.1941.
NLA Hannover Hann. 155 Lüneburg Acc. 56/83 Nr. 373.

Dies ist eine Post-Karte.
Sie ist von der Mutter an Heinz.
Seine Mutter schreibt ihm gleich nach seiner Ankunft
in der Anstalt.
Sie will wissen:
Geht es Heinz gut?
Sie hat große Sehn-Sucht nach ihrem Sohn.

»Mein liebes Heinzchen! Wie geht es Dir? Ist Dir die weite Reise gut bekommen? Mutti hat große Sehnsucht nach Dir. Sei herzlich geküßt von Deiner lieben Mutti. […]«

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In weiteren Briefen an den Ärztlichen Direktor brachte sie ihre Sorge um ihr Kind zum Ausdruck. Max Bräuner antwortete ihr jedoch, dass eine Heilung in den meisten Fällen aussichtslos sei. Aus Mediziner-Sicht wurde er am 20. Januar 1942 als »tiefstehend« und »bildungsunfähig« eingestuft und kam somit ärztlicherseits für die Tötung in Frage.

Einen Monat später ging an die Mutter die Information, dass Heinz seit einigen Tagen an Diphtherie erkrankt und mit seinem Ableben zu rechnen sei. Am nächsten Tag war Heinz bereits tot.

Die Mutter von Heinz schreibt auch Briefe an den Arzt.
Sie sorgt sich um Heinz.
Der Arzt antwortet ihr.
Er schreibt:
Heinz wird nicht wieder gesund.
Er schreibt:
Heinz ist dumm und kann nicht lernen.
Doch das stimmte nicht.
Der Arzt behauptet das nur.
Er will Heinz nämlich töten.
Wenige Tage später schreibt der Arzt wieder
an die Mutter von Heinz.
Er schreibt:
Heinz wird vielleicht sterben.
Eine Kranken-Schwester ermordet Heinz.
Sie gibt ihm zu viele Medikamente.
Am nächsten Tag ist Heinz tot.
Weil der Arzt es will.

Brief von der Mutter

Elise Ella Schäfer an Heinz Schäfer vom 29.11.1941 mit Antwort vom 2.12.1941.

NLA Hannover, Hann. 155 Lüneburg Acc. 56/83 Nr. 373.

Das ist Brief von der Mutter von Heinz.
Sie schreibt an den Arzt.
Sie ist sehr un-zu-frieden mit der Anstalt.
Sie sorgt sich um Heinz.
Und sie ärgert sich über den Ärztlichen Direktor.

»Daß eine Mutter um ein hilfloses, krankes Kind mehr bangt wie um ein gesundes, werden auch Sie verstehen. Ich hoffe, einer beruhigenderen Antwort entgegen sehen zu können.«

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Die Eltern konnten die Todesnachricht nicht glauben. Um sicherzugehen, dass es sich nicht um eine Verwechslung handelte, reiste Heinz Vater Fritz zusammen mit seinen Schwägern Wilhelm Tristram und Wilhelm Süßmann nach Lüneburg. Sie bestanden auf einer Öffnung des Sarges, um den Jungen zu identifizieren. Zunächst weigerte sich das Anstaltspersonal. Doch Fritz Schäfer und die Ehemänner von Ellas Schwestern Auguste und Meta setzten sich durch. Der Sarg wurde geöffnet, und darin lag Heinz mit einem verbundenen Kopf. Die drei Männer konnten sich das nicht erklären, war Heinz doch offiziell an »Diphtherie u. katarrh. Lungenentzündung« gestorben. Man verschwieg ihnen, dass man Heinz Gehirn entnommen hatte.

Über Heinz wurde in der Familie auch nach seinem Tod viel gesprochen, insbesondere über den verbundenen Kopf, den sich niemand erklären konnte. Das änderte sich, als die beiden noch lebenden Brüder von Heinz Schäfer, Friedrich und Rolf, durch einen Presseaufruf der Lüneburger Gedenkstätte ausfindig gemacht werden konnten. Nach vielen Jahrzehnten erhielten sie Antwort auf ihre Frage, warum Heinz Kopf verbunden gewesen war.

 

Die Eltern können den Tod von Heinz nicht glauben.
Der Vater von Heinz reist nach Lüneburg.
Er nimmt die Männer von Ellas Schwestern mit.
Die drei Männer sagen:
Der Sarg soll geöffnet werden.
Sie wollen Heinz sehen.
Zunächst will der Arzt und die Kranken-Schwester das nicht.
Doch dann schaffen es die drei Männer.
Der Sarg wird geöffnet.
Darin liegt Heinz mit einem verbundenen Kopf.
Die drei Männer können das nicht verstehen.
Wieso ist der Kopf von Heinz verbunden?

Die Ärzte haben das Gehirn von Heinz aus dem Kopf genommen.
Da ist Heinz schon tot.
Sie wollen sein Gehirn unter-suchen.
Das sagten die Ärzte den drei Männern aber nicht.

Die Familie spricht viel über Heinz.
Und seinen verbundenen Kopf.
Seine Familie kann das viele Jahr-Zehnte lang nicht verstehen.

Das ändert sich vor ein paar Jahren.
Das besondere Museum sucht die Brüder von Heinz.

Eine Wissenschaftlerin findet Teile von dem Gehirn von Heinz.
Sie liegen in einem Keller eines Kranken-Hauses in
Hamburg.
Das Gehirn wurde von Lüneburg in das andere Kranken-Haus nach Hamburg geschickt.
Dort forschte ein Arzt an dem Gehirn.
Er wollte wissen:
Warum hatte Heinz eine Behinderung?
Nach dem Ende des Zweiten Welt-Krieges wird das
Gehirn von Heinz einfach vergessen.
Zusammen mit den Gehirnen von elf anderen Kindern.

Alle wurden in Lüneburg ermordet.
In der »Kinder-Fach-Abteilung« in der Anstalt.

Dann sollen die Teile von dem Gehirn von Heinz beerdigt werden.
Dafür werden die Brüder gesucht.

Es gibt einen Zeitungs-Artikel in der Göttinger Zeitung.
Den lesen Rolf und Friedrich zusammen mit ihrer Cousine
Renate Meier.
Sie melden sich bei der Wissenschaftlerin.

Rolf, Friedrich und ihre Cousine Renate erfahren das erste Mal:
Was ist mit Heinz damals wirklich passiert.
Nach über siebzig Jahren löst sich das Rätsel für die Familie auf.