Geschichte Raum geben

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Günther Bruchmüller und Hermann gehören zu jenen Brüdern, die zunächst durch eine Verlegung in die Stiftung Eben-Ezer nach Lemgo gerettet zu sein schienen. Günther, geboren am 7. Mai 1933, war der Ältere von beiden. Auch sein eineinhalb Jahre jüngerer Bruder Hermann, geboren am 18. Januar 1935, kam in Lüneburg zur Welt. Die Brüder wurden am 25. November 1942 gemeinsam in der »Kinderfachabteilung« Lüneburg aufgenommen. Sie kamen nicht von zu Hause, sondern waren zunächst Patienten im Kinderhospital in Lüneburg, danach in der Pestalozzi-Stiftung in Burgwedel. Auch das Kinderheim Springe soll eine Station gewesen sein, und schließlich waren sie Fürsorgezöglinge im Provinzial- Jugendheim Wunstorf. Dort wurden sie durch den behandelnden Arzt Willi Baumert für eine Aufnahme in die ebenfalls von ihm geleitete »Kinderfachabteilung« selektiert. Ihre Geschwister Alwine und Helga blieben in Wunstorf.

Die Eltern waren der Kriegsinvalide Ludwig Bruchmüller und seine Frau Anna Marie. Zur Mutter vermerkte Baumert, dass sie aufgrund »Schwachsinns« sterilisiert worden sei und sich zum Zeitpunkt der Aufnahme ihrer beiden Söhne im »Konzentrationslager« befand.

Günther Bruchmüller und Hermann sind Brüder.
Günther ist 2 Jahre älter als Hermann.
Sie sind 1933 und 1935 geboren.
Sie haben auch noch zwei Schwestern.

Ihr Vater kann sich nicht um seine Kinder kümmern.
Er hat eine Kriegs-Verletzung.

Die Mutter kann sich auch nicht kümmern.
Sie ist in einem Konzentrations-Lager.
Das ist ein Gefängnis für Unschuldige.
Dort sterben viele Menschen an Hunger.
Oder sie müssen sich tot arbeiten.
Oder sie werden für kleine Fehler getötet.

Darum leben die Kinder in Kinder-Heimen.
Das letzte Kinder-Heim ist in Wunstorf.
Das ist in der Nähe von Hannover.

Nur Günther und Hermann kommen von Wunstorf nach Lüneburg.
Sie kommen 1942 in die Kinder-Fach-Abteilung.
Das entscheidet ein Arzt Willi Baumert.
Er arbeitet in dem Kinder-Heim in Wunstorf.
Und er leitet die Kinder-Fach-Abteilung in Lüneburg.

Günther und Hermann bleiben nicht in Lüneburg.
Weil sie zur Schule gehen können.
Sie kommen aus der Kinder-Fach-Abteilung wieder raus.
Sie kommen in ein Heim nach Lemgo.
Dort gibt es eine Schule.
Dort haben sie eine Chance zu über-leben.

Personalbogen

männlicher Fürsorgezöglinge.
NLA Hannover Nds. 330 Lüneburg Acc. 2004/134 Nr. 3058.

Das ist ein Formular.
Darin steht wichtiges über eine Person.
Zum Beispiel der Name und das Alter.
Hiermit werden Jugendliche erfasst.
Sie haben keine Eltern.
Oder die Eltern können sich nicht um sie kümmern.
Das ist das Formular zu Günther.

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Günther Bruchmüller kehrte am 27. Januar 1944 aus Lemgo zurück nach Lüneburg. Er wurde wie 23 weitere Jungen und Mädchen in die »Kinderfachabteilung« zurückverlegt. Er blieb in der Lüneburger Anstalt bis weit über das Kriegsende hinaus und gehört somit zu den Überlebenden der »Kinderfachabteilung«. Wenige Monate nach der Einrichtung einer neuen Pflegschaft starb er im Alter von 23 Jahren am 2. Dezember 1956 infolge einer Blinddarmoperation.

Für Günther ist die Schule zu schwer.
Er kommt zurück nach Lüneburg.
Er kommt wieder in die Kinder-Fach-Abteilung.
Das ist 1944.
Sein Bruder Hermann bleibt in Lemgo.

Günther hat Glück.
Er wird nicht ermordet.
Er überlebt die Kinder-Fach-Abteilung.

Dann ist der Krieg aus.
Günther bleibt in der Kinder-Fach-Abteilung.
Auch als Erwachsener bleibt er in der Anstalt.
Er wohnt nun dort.

Er stirbt am 2. Dezember 1956.
Nach einer Operation.

Schreiben der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg

an den Herrn Oberpräsidenten vom 29.1.1944.
NLA Hannover Nds. 330 Lüneburg Acc. 2004/134 Nr. 3058.

Das ist ein Brief.
Die Anstalt schreibt:
Günther kommt von Lemgo zurück nach Lüneburg.

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Erst zwei Wochen vor seinem Tod hatte sein Bruder Hermann den Kontakt zu ihm gesucht. Hermann war inzwischen in einer bäuerlichen Familienpflegestelle untergebracht und ließ über die Stiftung Eben-Ezer in der Lüneburger Anstalt anfragen, wie es seinem Bruder gehe. Er ließ nichts unversucht, die Verbindung zu seinem Bruder zu halten.

Da er selbst nicht schreiben konnte, formulierte die Anstalt eine Antwort. Darin erfuhr Hermann, dass Günther inzwischen im Rahmen der Arbeitstherapie im Fahrdienst eingesetzt war. Er sei sehr nützlich, zutraulich und guter Dinge gewesen.

Hermann bleibt viele Jahre in Lemgo.
Er denkt viel an seinen Bruder Günther.
Darum fragt er nach.
Hermann will wissen:
Wie geht es meinem Bruder Günther?
Was erlebt er in Lüneburg?

Hermann geht nicht mehr zur Schule.
Er ist erwachsen.
Er arbeitet auf einem Bauern-Hof.

Hermann bekommt den Brief von seinem Bruder.
Er kann nicht schreiben.
Darum schreibt ein Arzt von der Anstalt.
Der Arzt schreibt:
Günther geht es gut.
Günther arbeitet im Fahr-Dienst der Anstalt.
Er ist gut gelaunt.
Er hat Vertrauen in andere Menschen.
Er ist fleißig.

Schreiben der Anstalt Eben-Ezer

an die Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg vom 19.11.1956.
NLA Hannover Nds. 330 Lüneburg Acc. 2004/134 Nr. 3058.

Das ist ein Brief aus Lemgo nach Lüneburg.
Hermann will wissen:
Wie geht es meinem Bruder Günther?
Was erlebt er in Lüneburg?
Zwei Wochen nach dem Brief stirbt Günther.

Schreiben des Landeskrankenhauses Lüneburg

an die Stiftung Eben-Ezer vom 23.11.1956.

Das ist ein Brief aus Lüneburg nach Lemgo.
Darin steht:
Günther geht es gut.
Günther arbeitet im Fahr-Dienst der Anstalt.
Er ist gut gelaunt.
Er hat Vertrauen in andere Menschen.

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Die Schwester Alwine St., bemühte sich um die Pflegschaft für ihren Bruder Günther. Obwohl seine Schwester diese Pflegschaft ab Oktober 1956 besaß, wurde sie über den Tod ihres Bruders nicht informiert. Sie erfuhr von seinem Tod eher beiläufig durch einen Halbbruder. Auch Hermann erfuhr nichts vom Tod seines Bruders. Deswegen ließ er zwei Jahre später fragen, ob sich die Brüder einmal sehen dürften und dies an Weihnachten möglich sei. Hermann erfuhr daraufhin mit zwei Jahren Verspätung, dass sein Bruder nur wenige Tage nach seiner Kontaktaufnahme verstorben war.

Die Schwester Alwine ist erwachsen.
Sie ist verheiratet.
Sie darf über Günther bestimmen.
Sie soll sich um Günther kümmern.

Niemand erzählt ihr von seinem Tod.
Sie erfährt es durch Zufall.

Dem Bruder Hermann wird auch nichts gesagt.
Er will seinen Bruder Günther treffen.
Er will Weihnachten mit ihm feiern.
Aber da ist Günther schon 2 Jahre tot.
Niemand hat Hermann Bescheid gesagt.

 

Schreiben von Alwine St.

vom 30.7.1957.
NLA Hannover Nds. 330 Lüneburg Acc. 2004/134 Nr. 3058.

Das ist ein Brief von der Schwester Alwine.
Alwine ist erwachsen.
Sie ist verheiratet.
Sie darf über Günther bestimmen.
Sie soll sich um Günther kümmern.

Aber niemand erzählt ihr von seinem Tod.
Sie erfährt es durch Zufall.

Schreiben der Anstalt Eben-Ezer

an die Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg vom 24.11.1958.
NLA Hannover Nds. 330 Lüneburg Acc. 2004/134 Nr. 3058.

Das ist ein Brief von Lemgo nach Lüneburg.
Der Bruder Hermann will Günther treffen.
Er will Weihnachten mit ihm feiern.
Aber da ist Günther schon 2 Jahre tot.
Niemand hat Hermann Bescheid gesagt.