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Die Zwillinge
Die Zwillinge

Rosemarie und Dieter Bode

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Die Zwillinge Rosemarie und Dieter Bode wurden am 27. April 1935 in Hannover geboren. Ihre Eltern waren der gelernte Maurer und Wachmann Wilhelm Bode und seine Frau Erika Bode (geborene Ebeler). Sie hatten noch eine jüngere Schwester, die heute noch leben könnte. Als die Mutter an der Lunge erkrankte und der Vater in die Wehrmacht eingezogen wurde, entschied Erika, ihre Zwillinge in die Rotenburger Anstalten der Inneren Mission zu geben.

Wilhelm war mit der Einweisung seiner Zwillinge nicht einverstanden. Sein Ärger darüber war so groß, dass er sich zwei Wochen später von seiner Ehefrau trennte.

Rosemarie und Dieter Bode sind Zwillinge.
Sie werden 1935 in Hannover geboren.
Sie haben noch eine jüngere Schwester.
Die Eltern heißen Wilhelm und Erika Bode.
Die Mutter wird krank.
Der Vater muss in den Krieg.
Darum kommen die Zwillinge in eine Anstalt.
Die Anstalt ist in Roten-Burg.

Der Vater will das nicht.
Er ist sehr wütend.
Zwei Wochen später trennt er sich von seiner Frau.

 

»[…] bitte ich die Verwaltung, mir als Vater, falls die Kinder krank sind, und sonstige Angelegenheiten, mir persönlich mitzuteilen. Denn meine Frau hat am 27. Juni meine Wohnung verlassen, ich habe mich mit dem 28. Juni mit meiner Frau getrennt. Ich bitte die Verwaltung der Heil- und Pflegeanstalt Rotenburg, den Fragebogen […], den meine Frau ausgefüllt hatte, mir zurück zu senden, und einen neuen, denn nur einen [den meine Frau, Anm. d. Verf.] ausgefüllt hatte, erkenne ich nicht an.« »Ich habe mit meiner Frau getrennt, wegen meiner Kinder, sie ist schuld an dem Elend meiner Kinder. Gesund sind die Kinder geboren, nach Befund der Hebamme.«

Schreiben von Wilhelm Bode

an die Rotenburger Anstalten der Inneren Mission vom 9.7.1939.

NLA Hannover Hann. 155 Lüneburg Acc. 56/83 Nr. 42.

Das ist ein Brief.
Der Brief ist vom Vater Wilhelm Bode.
Er ist an die Anstalt in Roten-Burg.
Er ist aus dem Jahr 1939.

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Zwischen 1936 und 1941 blieben die Zwillinge in Rotenburg. Am 9. Oktober 1941 wurden Rosemarie und Dieter Bode zusammen mit über 130 weiteren Kindern in die Lüneburger »Kinderfachabteilung« verlegt.

Die Zwillinge bleiben zwei Jahre in der Anstalt.
Dann müssen sie in eine andere Anstalt.
Sie kommen nach Lüneburg.
Sie werden Patienten in der Kinder-Fach-Abteilung.
Das ist am 9. Oktober 1941.
Sie kommen mit über ein-hundert-dreißig anderen Kindern.

Rosemarie und ihr Bruder Dieter

waren von den Rotenburger Anstalten der Inneren Mission an den »Reichsausschuss« nach Berlin gemeldet worden. Dort wurde die Einweisung in die »Kinderfachabteilung« angewiesen und eine »Behandlungsermächtigung« erteilt.

Schreiben der Gemeinnützigen Kranken-Transport-G.m.b.H. an die Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg vom 6.11.1941. NLA Hannover Hann. 155 Lüneburg Acc. 56/83 Nr. 42.

Ein Arzt in Roten-Burg meldet Rosemarie und Dieter.
Er schreibt nach Berlin.
Er informiert ein besonderes Amt.
Das besondere Amt schickt die Zwillinge nach Lüneburg.

Das besondere Amt sagt:
Rosemarie und Dieter dürfen ermordet werden.
Die Ärzte in Lüneburg sollen das entscheiden.
Das ist ein Brief.
Er ist aus dem Jahr 1941.

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Rosemarie wurde am 4. Februar 1942 ermordet. Dem Vater wurde mitgeteilt:

Rosemarie wird am 4. Februar 1942 ermordet.
In einem Brief an den Vater steht:

»Ihre Tochter Rosemarie ist am 4. Februar 1942 an einer Lungentuberkulose gestorben.«

Mitteilung der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg an Wilhelm Bode, 4.2.1942.
NLA Hannover Hann. 155 Lüneburg Acc. 56/83 Nr. 42.

Das ist ein Brief.
Er ist von der Lüneburger Anstalt.
Er ist an den Vater Wilhelm Bode.
Darin steht:
Rosemarie ist tot.
Sie stirbt an einer Lungen-Krankheit.
Das ist eine Lüge.
Der Brief ist aus dem Jahr 1942.

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Wilhelm Bode konnte an der Beerdigung seiner Tochter nicht teilnehmen, weil er zum Todeszeitpunkt in Russland kämpfte. Auch die Mutter Erika nahm an der Beisetzung nicht teil, da sie sich noch in einer Lungenklinik befand.

Dieter hatte den Mord an seiner Schwester miterlebt. Eine Woche nach ihrer Ermordung schrieb der Lüneburger Arzt den ersten Eintrag in Dieters Krankenakte.

Dieter überlebte seine Zwillingsschwester Rosemarie nur ein Jahr und zwei Monate. Er wurde am 10. April 1943 ermordet. Die Leichen beider Kinder wurden seziert und ihre Gehirne entnommen. Die Gehirne wurden an das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf abgegeben.

2012 konnten die Präparate gemeinsam mit zwölf weiteren identifiziert werden. 2013 wurden sie im Rahmen der Einweihung einer Gedenkanlage auf dem ehemaligen Anstaltsfriedhof, dem heutigen Lüneburger Friedhof Nordwest, bestattet. Rosemarie und Dieter Bodes sterbliche Überreste gehörten dazu. An der Bestattung nahmen viele noch lebende Geschwister der ermordeten Kinder teil.

Der Vater kommt nicht zur Beerdigung.
Er kämpft als Soldat in Russ-Land.
Das ist ein Land weit weg von Deutsch-Land.
Die Mutter Erika kommt auch nicht.
Sie ist immer noch in einer Klinik.

Dieter ist beim Mord an seiner Schwester dabei.

Dieter ist dem Arzt egal.
Er unter-sucht ihn erst als seine Schwester tot ist.

Ein Jahr und zwei Monate später wird auch Dieter ermordet.
Er stirbt am 10. April 1943.

Die Kinder werden nach dem Tod unter-sucht.
Ihre Gehirne werden aus dem Kopf genommen.
Die Gehirne werden ins Kranken-Haus Eppendorf geschickt.

Im Jahr 2012 werden Teile von den Gehirnen gefunden.
Sie gehören zu zwölf Kindern.

Im Jahr 2013 werden die Gehirn-Teile bestattet.
Auf dem Friedhof Nord-West.
Das ist der Fried-Hof der Anstalt.
Die Gehirn-Teile von Rosemarie und Dieter gehören dazu.
Zu der Beerdigung kommen viele Geschwister.
Es sind Brüder und Schwestern von den ermordeten Kindern.

Krankengeschichte von Dieter Bode.

NLA Hannover Hann. 155 Lüneburg Acc. 56/83 Nr. 207.

Das ist eine Kranken-Geschichte.
Es ist die Kranken-Geschichte von Dieter Bode.

»Für alle Liebe und Pflege die Sie meinen Kindern Rosemarie und Dieter wehrend ihres dortigen Aufenthaltes gegeben haben, danke ich Ihne nochmals herzlich.«

Schreiben von Erika Bode

an die Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg, 5.5.1943.

NLA Hannover Hann. 155 Lüneburg Acc. 56/83 Nr. 207.

Das ist ein Brief.
Er ist von der Mutter Erika Bode.
Sie schreibt an die Anstalt in Lüneburg.
Sie schreibt:
Danke für die Pflege.
Danke für die gute Betreuung der Kinder.
Sie weiß nichts vom Mord.
Der Brief ist aus dem Jahr 1943.

Zeichnung der Kindergrab-Lagen

auf dem ehemaligen Anstaltsfriedhof. Nummer 21 ist das Grab von Rosemarie Bode. Ihr Zwillingsbruder Dieter wurde in Grabnummer 99 bestattet.

Friedhof der Provinzial- Heil- und Pflegeanstalt. Begräbnisbuch 1922 – 1948. Stadtarchiv Lüneburg.

Das ist eine Zeichnung.
So liegen damals die Kinder-Gräber.
Sie liegen auf dem Anstalts-Fried-Hof.
Nummer ein-und-zwanzig ist das Grab von Rosemarie.
Nummer neun-und-neunzig ist das Grab von Dieter.
Die Zeichnung ist aus dem Begräbnis-Buch.

Am 25. August 2013

wurden Gehirn-Präparate von zwölf Kindern bestattet, die in der »Kinderfachabteilung« Lüneburg ermordet worden waren. Pflegeschülerinnen und Pflegeschüler hatten Urnen gestaltet, in denen die Präparate in die Erde gelassen wurden und ihre ewige Ruhe fanden.

ArEGL.

Am 25. August 2013 werden Teile von Gehirnen bestattet.
Sie gehören zu zwölf Kindern.
Die Kinder wurden in der Kinder-Fach-Abteilung ermordet.
Die Gehirn-Teile liegen in Urnen.
Pflege-Schüler haben die Urnen gestaltet.
Nun liegen die Kinder in ewiger Ruhe.